Wir sind Bindungswesen – Teil 2 von 3
Warum wir uns manchmal an Menschen binden, die uns nicht guttun
Bindung ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir suchen Nähe, Vertrautheit und Verbindung. Wenn frühe Beziehungserfahrungen wenig Sicherheit vermittelt haben, kann die Sehnsucht nach Bindung besonders stark werden. Dann kann sich die Entwicklung einer Beziehung umkehren.
Gesunde Bindung entsteht Schritt für Schritt:
Kennenlernen → Sicherheit → Nähe → Bindung → Intimität
Diese Reihenfolge ist bedeutsam. Im Kennenlernen entsteht die Möglichkeit, einen Menschen wirklich wahrzunehmen: Wie verhält er sich? Ist er verlässlich? Respektiert er meine Grenzen? Kann ich mich bei ihm sicher fühlen? Aus Verlässlichkeit kann Sicherheit entstehen, daraus Nähe und schliesslich Bindung und Intimität.
Bei unsicheren Bindungsmustern können diese Schritte übersprungen oder vertauscht werden. Die Sehnsucht nach Verbindung kann dazu führen, dass wir sehr schnell Nähe und Intimität herstellen und uns emotional binden, bevor wir den anderen wirklich kennengelernt haben und Sicherheit entstanden ist.
Erst später zeigt sich vielleicht, dass der andere nicht verlässlich ist oder uns verletzt.
Dann wird es schwierig: Die Bindung ist bereits entstanden.
Es kann uns schwerfallen zu gehen, obwohl unser Verstand erkennt, dass die Beziehung uns nicht guttut. Denn Bindung ist nicht nur eine bewusste Entscheidung. Sie berührt unser Nervensystem und unser tiefes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Deshalb kann sich das Lösen von einer schmerzhaften Beziehung so viel schwerer anfühlen, als es die Vernunft vermuten lässt.
Auch unsere frühe Beziehungsgeschichte kann dabei eine Rolle spielen. Was uns vertraut ist, kann sich später wieder vertraut und damit scheinbar richtig anfühlen – selbst wenn es uns nicht guttut. Wir suchen nicht bewusst den „falschen“ Menschen. Unbewusste Bindungsmuster können aber beeinflussen, wem wir uns öffnen, wie schnell wir uns binden und was wir übersehen.
Veränderung beginnt deshalb nicht erst bei der Partnerwahl. Sie beginnt bei der Fähigkeit zur Verbindung zu unserer Innenwelt. Was geschieht gerade in mir? Fühle ich mich sicher – oder vor allem stark angezogen? Entsteht Vertrauen oder vor allem Sehnsucht? Kann ich mir Zeit lassen und den anderen kennenlernen, bevor ich mich binde?
Die Verbindung zu uns selbst schafft diesen Zwischenraum. Sie ermöglicht uns, wahrzunehmen, was in uns geschieht, bevor die Bindung so stark geworden ist, dass wir uns selbst darin verlieren. Es geht nicht darum, weniger zu lieben oder Nähe zu vermeiden. Sondern darum, Beziehung wieder Schritt für Schritt entstehen zu lassen – mit genügend Raum für Kennenlernen, Sicherheit und echtes Vertrauen.
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