Wir sind Bindungswesen – Teil 3 von 3
Die Falle der Reinszenierungen
Warum wir in Beziehungen manchmal genau das wiederholen, was wir eigentlich hinter uns lassen wollten
Im ersten Teil ging es darum, dass unsere Fähigkeit zu Bindung eine Geschichte hat. Wir bringen Erfahrungen mit in Beziehungen – und damit auch Vorstellungen davon, wie Nähe funktioniert.
Genau hier liegt eine der grossen Fallen: Wir fühlen uns nicht nur zu dem hingezogen, was uns guttut. Wir fühlen uns oft auch zu dem hingezogen, was uns vertraut ist. So kann es passieren, dass wir unbewusst Beziehungsmuster wiederholen, die wir eigentlich längst hinter uns lassen wollten.
Wer früh erfahren hat, dass Nähe unsicher ist, kann später Menschen besonders anziehend finden, die schwer erreichbar sind. Wer Liebe immer wieder verdienen musste, kann sich in Beziehungen wiederfinden, in denen er um Aufmerksamkeit und Anerkennung kämpft. Nicht, weil wir leiden wollen. Sondern weil unser Inneres das Vertraute leichter erkennt als das Unbekannte.
Und manchmal steckt darin eine stille Hoffnung: Diesmal wird es anders. Diesmal bekomme ich von diesem Menschen, was mir früher gefehlt hat.
Doch genau darin kann die Reinszenierung liegen. Wir versuchen, eine alte Geschichte mit einem neuen Menschen zu einem anderen Ende zu bringen. Der andere kann diese alte Geschichte jedoch nicht für uns heilen.
Solange wir nicht erkennen, was sich da wiederholt, fühlt sich die Dynamik oft einfach wie „Pech in der Liebe“ an. Wir fragen uns, warum wir immer wieder an den gleichen Typ Mensch geraten – und übersehen dabei unseren eigenen Anteil.
Veränderung beginnt dort, wo wir das Vertraute vom wirklich Guten unterscheiden lernen. Dafür braucht es die Verbindung zu uns selbst: wahrzunehmen, was in mir geschieht. Was löst dieser Mensch in mir aus? Fühlt sich etwas wirklich sicher an – oder nur bekannt?
Je mehr wir uns selbst verstehen und unseren verletzlichen Seiten mit Mitgefühl begegnen, desto weniger müssen wir alte Beziehungsgeschichten wiederholen.
Dann kann Bindung etwas anderes werden: nicht mehr der Versuch, einen alten Mangel durch den anderen zu stillen, sondern die Möglichkeit, einem Menschen wirklich zu begegnen.
Denn echte Nähe beginnt dort, wo wir nicht mehr brauchen, dass der andere unsere Vergangenheit repariert.
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