Was fehlt, wenn wir uns selbst nicht mehr spüren
Selbstkontakt beschreibt die Fähigkeit, mit dem eigenen inneren Erleben in Verbindung zu sein: mit Gefühlen, Bedürfnissen, Impulsen, Körperempfindungen und inneren Grenzen. Psychologisch gesehen ist er eine zentrale Grundlage für Selbstregulation, emotionale Stabilität und Beziehungsgestaltung. Nur wenn ich wahrnehme, was in mir vorgeht, kann ich darauf reagieren – statt unbewusst zu handeln, zu kompensieren oder mich selbst zu verlieren. Selbstkontakt ist dabei nichts, das wir uns erst aneignen müssen. Er ist ursprünglich da. Ein inneres Spüren von Lebendigkeit, von „Ich bin da“, von einem stimmigen inneren Kompass.
Mit dieser unverwüstlichen Essenz kommen wir zur Welt. Kinder sind in engem Kontakt mit sich selbst: Sie spüren Hunger, Müdigkeit, Freude, Wut, Nähe- und Autonomiebedürfnisse – und drücken sie unmittelbar aus. Doch sehr früh lernen wir, dass nicht alles davon willkommen ist. Wir bekommen – oft gut gemeinte – Rückmeldungen darüber, wie wir sein sollen, was angemessen ist, was zu viel, zu wenig, zu laut oder zu empfindsam ist. Schritt für Schritt passen wir uns an. Wir lernen, Erwartungen zu erfüllen, Leistung zu bringen, zu funktionieren. Dabei entfernen wir uns oft unmerklich von dem, was in uns wahrhaftig und lebendig ist. Nicht, weil etwas mit uns nicht stimmt, sondern weil Bindung und Zugehörigkeit überlebenswichtig sind.
Ein Mangel an Selbstkontakt zeigt sich später auf vielfältige Weise: in innerer Leere, chronischem Stress, diffusen Unzufriedenheiten oder dem Gefühl, sich selbst nicht wirklich zu kennen. Auch viele Beziehungsschwierigkeiten lassen sich darauf zurückführen. Wer den eigenen inneren Zustand kaum wahrnimmt, kann ihn schwer kommunizieren, regulieren oder vertreten. Grenzen werden unklar, Bedürfnisse unausgesprochen, Verantwortung nach aussen verlagert. Im grösseren Kontext wirkt sich das ebenfalls aus: Wenn Menschen den Kontakt zu sich selbst verlieren, verlieren sie auch den Zugang zu Empathie, Verbundenheit und innerer Orientierung. Selbstkontakt ist daher nicht nur ein individuelles, sondern auch ein zutiefst menschliches und gesellschaftliches Thema – eine Rückverbindung zu dem, was uns innerlich trägt, jenseits von Rollen, Erwartungen und Leistung.
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